Themen

, ,

16. Architekturbiennale: BDA Matinee im Deutschen Pavillon + BDA Fest

29. Mai 2018

Norbert Lammert und Matthias Sauerbruch im Gespräch mit BDA-Präsident Heiner Farwick: ein Bericht

BDA/-tze
BDA/-tze
Die schwarze Mauer, die den Pavillon scheinbar durchtrennt, erscheint zunächst fest und geschlossen
Doch die Mauer öffnet sich, wenn man seinen Standpunkt verändert

 

BDA / Tina Gießmann
BDA / Tina Gießmann
28 Projektbeispiele zeigen typologische, architektonische, gesellschaftliche Haltungen zum ehemaligen Todesstreifen

 

BDA / Tina Gießmann
BDA / Tina Gießmann
Prof. Lydia Haack (Landesvorsitzende BDA Bayern) im Gespräch u.a. mit Lars Krückeberg (Graft, Berlin), einem der Kuratoren des Deutschen Pavillons

Am ersten offiziellen Ausstellungstag der Architektur-Biennale sind morgens um zehn im deutschen Pavillon noch keine Besucher, und so kann man den Effekt der Rauminstallation der deutschen Kuratoren Graft und Marianne Birthler einen Moment lang ungestört erleben: An einem bestimmten Punkt am Eingang erscheint die schwarze Mauer, die den Pavillon scheinbar durchtrennt, fest und geschlossen. Doch wenn man nun auf die Mauer zugeht, verändert sich die Perspektive: Es tun sich Lücken zwischen den Mauersegmenten auf, und der Raum gerät in Bewegung. Erste Erkenntnis: Die Mauer öffnet sich, wenn man seinen Standpunkt verändert.

Anderthalb Stunden später lässt sich dieser Effekt nicht mehr ohne weiteres erleben: Der Pavillon ist für die traditionelle BDA-Matinee in Querrichtung bestuhlt worden. Das Thema lautet in Anlehnung an den Titel des deutschen Beitrags: „Unbuilding Walls. Versprechen, Utopie oder Fiktion?

Norbert Lammert, Matthias Sauerbruch und Heiner Farwick

Heiner Farwick, Präsident des BDA, hat dazu zwei Gesprächspartner in den „gefühlten Gewinnerpavillon“ eingeladen, wie Bau-Staatssekretär Gunther Adler den deutschen Pavillon in seinem Grußwort nennt. Mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert sitzt ein überzeugter Europäer und erfahrener Parlamentarier neben dem Architekten Matthias Sauerbruch, dessen Erstling im Rahmen des Büros OMA das Haus am Checkpoint Charlie war, das unmittelbar auf die damals noch bestehende Grenzübergangsstelle im Eisernen Vorhang reagierte. Sauerbruchs damaliger Chef, Rem Koolhaas, hatte übrigens zuvor in seiner Masterthesis an der Londoner AA die Berliner Mauer als „Gebäude“ untersucht…

Das Gespräch kreist zunächst um die deutsche Teilung und den „Zirkeltag“ der Mauer, die im Februar 2018 genauso lange wieder weg war, wie sie bestanden hatte. Wolfram Putz von Graft bezeichnet den Todesstreifen der Berliner Mauer in Anlehnung an das Thema der Hauptausstellung als „größten Freespace Europas“, und sein Kuratoren-Partner Lars Krückeberg sekundiert: „89 ging die Welt auf!“ Die Graft-Architekten waren damals im dritten Semester in Braunschweig, das als „Zonenrandgebiet“ eingestuft war.

Lammerts persönliche Bilanz zum Prozess der deutschen Einheit ist „eher positiv“, das Wesentliche sei gelungen. „Wir haben manches erreicht, was man kaum für möglich gehalten hat, und sind da zurückgeblieben, wo man einen Erfolg für selbstverständlich gehalten hätte.“ Nun kommt er in Fahrt: „Die ausländische Wahrnehmung ist eine vollständig andere als unsere: Das hätte kein anderes Land bewältigen können als Deutschland!“

Welchen Anteil an der baulichen Überwindung der Teilung hatte der Berufsstand der Architekten? Lammert: „Es musste eine Fülle baulicher Entscheidungen getroffen werden.“ Es sei abwegig zu behaupten, dass die Architekten dabei keine Verantwortung trügen, doch die Verantwortung des (öffentlichen) Bauherrn sei noch höher. Zwei Beispiele fallen: Das Band des Bundes von Axel Schultes und Charlotte Frank sei ein grandioser städtebaulicher Geniestreich, so Lammert, der mit dem ein politischer Gedanke ein Gesicht bekommen habe. Die langwierigen Entscheidungsfindungen, die „lästigen Ausschreibungsverfahren“ in einer Demokratie führen ihn dann zum Wettbewerb um die Umgestaltung des Reichstagsgebäudes, „das spannendste Bauprojekt der letzten 30 Jahre“. Und: „Foster wird wegen dieser Kuppel in die Architekturgeschichte eingehen, die er ums Verrecken nicht bauen wollte!“ Der Bauherr habe „in monatelanger Mund-zu-Mund-Beatmung“ bei Foster bohren müssen, um ihn zum Entwurf der Kuppel zu drängen. Dann eine kleine Nickeligkeit gegenüber dem Berufsstand: Vielleicht sei ja die Gebührenordnung ein zusätzlicher Anreiz gewesen, den Architekten von der (honorierten) Umplanung zu überzeugen… Matthias Sauerbruch nimmt an dieser Stelle geschickt die Perspektive Fosters ein: Die kühne Idee des Riesendachs sei aus der Reflexion des historischen Moments heraus entstanden und habe eine mutige und frische Sicht auf die Situation Deutschlands dargestellt. Foster habe die bauliche Form des Gebäudes eben nicht mit historischen Mitteln fortführen wollen.

Heiner Farwick warnt an dieser Stelle davor, Identität durch einen bestimmten, zum Beispiel historischen Baustil herstellen zu wollen: „Das geht schon deshalb nicht, weil die Bewertung bestimmter Bauweisen sich von Generation zu Generation diametral wandeln kann. Was in den 60er Jahren als progressiv und sozial galt, wurde in der Ära der Postmoderne als veraltet, ja asozial geschmäht. Und heute setzen sich junge Architekten wieder für den Erhalt dieser als ‚cool’ empfundenen Architektur ein.“

Dann verweist Sauerbruch auf den Beitrag von Marianne Birthler im Ausstellungskatalog, der zeige, dass der Einheitsprozess alles andere als harmonisch ablief: „Es gab, vor allem bei Ostdeutschen, Unzufriedenheit und offene Fugen.“ Und er erwähnt die Clubszene, die sich den Mauerstreifen angeeignet und zu einem Ort des ungebundenen Lebens für junge Europäer gemacht habe. Heiner Farwick fragt sich angesichts solcher lebendiger Orte, die nicht bewusst gestaltet sind, ob sich die Architektur nicht vielleicht überschätze? Die Debatte ist jetzt beim öffentlichen Raum angekommen, bei der Frage nach dem geeigneten Ort des Austausches. Farwick erwähnt die Mauern in den Köpfen, die heute nicht nur im Ausland, sondern auch im eigenen Land bis in die Parlamente hinein entstanden seien. „Es bilden sich Gruppen mit der Tendenz aus, sich extrem von anderen abzugrenzen und dabei nur noch die Wahrnehmung Gleichgesinnter für die Wirklichkeit zu halten.“

Das zielt auf die Kommunikation im Netz, die für viele in „Filterblasen“ stattfindet. Sauerbruch: „Das Entschwinden der civitas in den virtuellen Raum ist eine große Herausforderung für das Gemeinwesen.“ Orte für ein Zusammenkommen, für ungezwungene, nicht kommerzialisierte Treffen seien wichtiger als Großvorhaben wie Konzerthallen. Auch Lammert „zögert“, die Ablösung der attischen Agora durch das Internet für einen Fortschritt zu halten. Die Debattenkultur dort hält er für einen „grotesken Unterbietungswettbewerb an Ausgrenzung“, während in den Parlamenten identifizierbare Verantwortliche für identifizierbare Ergebnisse sorgten. „Die Verlagerung in den beliebigen Raum führt jedenfalls nicht zur Erweiterung der Freiheit!“ Die Diskussion endet mit der Erwähnung des Holocaust-Mahnmals, das eigentlich ein „nutzloses Gebäude an Berlins teuerstem Bauplatz“ sei und dennoch mit einer haushohen Mehrheit im Parlament beschlossen wurde. „Das steht für das Selbstbewusstsein des wiedervereinigten Staates“, schwärmt Lammert. Matthias Sauerbruch bleibt, das wieder zu erden: „Klar war das eine Sternstunde, aber es ist lange her. Wir müssen darüber reden, wie wir heute ‚Freespace’ füllen!“  (-tze)

Wolfram Putz und Lars Krückeberg vertreten die Kuratoren des deutschen Pavillons

 

Staatssekretär Gunther Adler begrüßt die Gäste des BDA

 

Heiner Farwick, Norbert Lammert und Kai Koch

 

BDA-Matinee in der Ausstellung

 

Norbert Lammert und Thomas Willemeit

 

BDA-Fest am Abend
BDA/Tina Gießmann
BDA/Tina Gießmann
v. l. n. r. Erwien Wachter (BDA Präsidium), Anne Steinberger, Michael Ziller, Irmgard Maria Fellner (Gesandtin der Botschaft der BRD in Rom), Markus J. Mayer, Prof. Lydia Haack (BDA Landesvorsitzende), Heiner Farwick (BDA Präsident), Karlheinz Beer (Vizepräsident Bayerische Architektenkammer), Georg Brechensbauer, Robert Fischer, Christoph Sattler und Wolfgang Kuchtner
Grazie, Venezia